„109 Paar Gummistiefel“ – Zum Tod von Dr. Helmut Surborg
Die Zahl der in seinem über 40-jährigen Berufsleben als Rinderpraktiker verbrauchten Gummistiefel ist nur eine von vielen „statistischen Größen“, die Helmut Surborg akribisch dokumentiert hat. In der gemeinsam mit seiner Frau Ingrid geführten Tierarztpraxis im niedersächsischen Betzhorn (Wahrenholz) hat er seit 1980 Generationen an Studenten, Praktikanten und Assistenten an seiner Leidenschaft teilhaben lassen, der Nutztiermedizin und deren zentraler Bedeutung für die bäuerliche Landwirtschaft. Und diese Zwillings-Empathie konnte er auch eloquent und humorvoll vermitteln, sei es mit Vorträgen in der Lehrveranstaltung „Berufskunde“ an der Tierärztlichen Hochschule (TiHo) Hannover oder mit historisch-kritischen Referaten auf den Geschichtstagungen der DVG in Berlin. Aber beginnen wir doch lieber von vorne.

Wir treffen mit dem am 13. April 1950 geborenen Veterinärstudenten zum ersten Mal im Jahr seines Physikums 1972 an der TiHo Hannover zusammen. Er wollte über den Studentenrat eine Erklärung an den Präsidenten des Deutschen Bauernverbandes auf den Weg bringen, um auch von studentischer Seite auf die ökonomisch desolate Situation der Landwirtschaft aufmerksam zu machen. Was herauskam, war ein in mehreren Absätzen begründeter Beschluss, der heute so aktuell wäre wie er damals war: „Laut Studentenratsbeschluss vom 9.2.1972 erklärt sich der Studentenrat der Tierärztlichen Hochschule Hannover mit den Landwirten solidarisch in ihrer Forderung nach einem gerechten Erzeugerpreis“ (Bruns 1972). Die Landwirte demonstrierten damals in der ganzen BRD gegen den Ruin ihrer Betriebe durch die Politik der EWG und deren Fehlentscheidungen zugunsten des Welthandels.
Aber das Studium und die fachliche Ausbildung mussten vorankommen: 1975 dritter Teil des Staatsexamens und Erhalt der Approbation, am 12. Dezember 1976 Promotion zum Dr. med. vet. mit einer an der Klinik für Rinderkrankheiten und dem Institut für Tierzucht und Vererbungsforschung der TiHo angefertigten Dissertation zu „Untersuchungen über den Nabelbruch beim Rind. Operationserfolg, Abstammung und Verbleib der operierten Tiere“ (35 Seiten). Seine Tätigkeit als Wissenschaftlicher Assistent an der Klinik für Rinderkrankheiten (1976-1978) und an der Klinik für Geburtshilfe und Gynäkologie des Rindes (1978-1980) schloss er mit der Prüfung zum Fachtierarzt für Rinder (1980) und zum Fachtierarzt für Zuchthygiene und Besamung (1981) ab. Nach Übernahme einer Nutztierpraxis in Betzhorn / Wahrenholz im Landkreis Gifhorn (1980) erhielt er 1983 die Ermächtigung zur Weiterbildung auf diesen Gebieten (bis 2015). Jeweils samstags Vormittag hielt das Ehepaar Ingrid und Helmut Surborg auch eine Kleintiersprechstunde ab.
Helmut Surborgs berufspolitisches Engagement durch Mitarbeit in Gremien der Tierärztekammer Niedersachsen ist beeindruckend und bewundernswert: In den Jahren 1996 bis 2010 Mitglied der Kammerversammlung, der Ausschüsse für Fort- und Weiterbildung, für Tierseuchen, für Bestandsbetreuung und Reproduktionsmedizin. Wie viele Prüflinge er in Weiterbildungsgängen „examiniert“ hat, ist uns zwar nicht bekannt, aber es muss eine stattliche Anzahl gewesen sein, als Mitglied im Prüfungsausschuss zum Fachtierarzt für Rinder (2011-2016) und als Mitglied im Prüfungsausschuss für die Zusatzbezeichnung Tierärztliche Bestandsbetreuung und Qualitätssicherung im Erzeugerbetrieb Rind (2016-2021). Nicht vergessen sei seine Berufung als ehrenamtlicher Richter des Gerichtshofes für die Heilberufe Niedersachsen (2017-2021).
Im Jahr 2006 wurde Helmut Surborg für seine Verdienste um die praxisnahe Umsetzung wissenschaftlicher Erkenntnisse mit der Dammann-Medaille der TiHo Hannover geehrt und 2015 bekam er aus der Hand des Kammerpräsidenten Uwe Tiedemann die Verdienstmedaille der Tierärztekammer Niedersachsen überreicht, eine verdiente Würdigung seines langjährigen persönlichen Einsatzes für den tierärztlichen Beruf. Einige Sätze aus der Laudatio seien hier zitiert:
„In seiner Tätigkeit für die Tierärztekammer widmete er sich kenntnisreich und engagiert der Aktualisierung der Weiterbildungsgänge, der zentralen Tierseuchenbekämpfungsstruktur im Seuchenfall, dort nicht zuletzt der Einbindung des praktizierenden Tierarztes, sowie der Festigung der Bestandsbetreuung. Stets hat er das Spannungsfeld von normativen Erfordernissen und Rechtswirklichkeit ausgeleuchtet. Seine ganz besondere Sachkunde konnte er in die Thematik Fortbildung durch und mit Computern einbringen. So hat er maßgeblich und richtungsweisend an E-Learning-Programmen der Tierärztekammer zum Tierseuchenkrisenfall mitgearbeitet, so bei der Darstellung der MKS und der Afrikanischen Schweinepest.“ Darüber hinaus hat er „seinen hohen Sachverstand und sein großes Engagement eingebracht, um Studierende und junge Tierärztinnen und Tierärzte in Informationsveranstaltungen über die tierärztlichen Berufsfelder, insbesondere die Rinderpraxis, zu informieren und zu begeistern. Dabei kam ihm auch seine Leidenschaft zur Fotografie zugute.“
Ja beileibe, bild- und zahlengewaltig, aber nie belehrend, eher leicht sarkastisch und selbstironisch, waren seine Vorträge im Rahmen der Veranstaltungsreihe in „Berufskunde“ an der TiHo Hannover, an der er von Anbeginn mitgewirkt hatte. Mit der Organisation und Durchführung dieser Pflichtlehrveranstaltung betraut wurde der Leiter des Fachgebiets Geschichte, Museums und Archivs der TiHo Hannover. „Das machen Sie schon!“, gab ihm der damalige Prorektor für Lehre im Februar 2001 mit auf den Weg. In enger Kooperation mit Wilfried Cossmann, dem damaligen Präsidenten und später Ehrenpräsidenten der Tierärztekammer, entstand eine Lehrveranstaltung, die höchste Evaluationsquoten erreichte. „Diese Veranstaltung ist ein Lichtblick der gesamten Woche!“, kommentierte eine Studiosa 2005. Und wer war der „Tierarzt in der Rinderpraxis“, – Helmut Surborg.
Sein 40-jähriges Berufsleben hat Surborg in 187 Aktenordnern niedergelegt und neben den täglichen kurativen Tätigkeiten wie Geburtshilfe, Kälberkrankheiten, Klauengeschwüre etc. darin auch die staatlichen Aufgaben in der Seuchenbekämpfung dokumentiert. In von ihm gerundeten Zahlen waren dies: 50.300 Rinder gegen MKS, 13.800 gegen IBR und 10.200 Rinder gegen Blauzungenkrankheit geimpft, Blutproben entnommen Leukose 17.000 Rinder und IBR 11.300 Rinder, 9.700 Rinder tuberkulinisiert und bei 2.000 Schweinen Blutproben auf Schweinepest-Antikörper durchgeführt.
Das sind keine nackten Zahlen, sondern ein ungetrübter Spiegel für eine enorme Lebensleistung als Praktiker. In der Zeitgeschichte gibt es bis heute keine vergleichbar authentische persönliche Praxischronik wie die von Helmut Surborg. Lässt man seine Präsentationen Revue passieren, klar und übersichtlich strukturiert, mit gestochen scharfen Bildern aus dem Praxisalltag und übersichtlichen Statistiken zur Entwicklung der Rindermedizin national wie international, dann waren seine Aussagen immer mit einem ernsten Blick über den Tellerrand verbunden. Vielleicht war das der Grund: In den Jahren 1991 und 1992 hatte er ein Fernstudium „´Humanökologie´ – Weltbevölkerung, Ernährung, Umwelt“ absolviert.
„Wenn das Schwein am Haken hängt, wird erst mal einer eingeschenkt“ lautete der Titel eines Vortrags auf der 18. Jahrestagung der DVG-Fachgruppe Geschichte 2015 im ECC Berlin. Lustig? Ja und Nein!, denn die Überschrift ging weiter: „Über den Niedergang der ambulanten tierärztlichen Schlachttier- und Fleischuntersuchung (1980-2015)“. Das passte exakt zum Tagungsschwerpunkt, „Stellung und Bedeutung der Tiermedizin in der Gesellschaft“. Im Jahr 2017 griff er das Thema auf „EDV und Internet in der Tierarztpraxis – (R-)Evolution in einem Praktikerleben“. 1983 hatte er den ersten Computer in der Praxis angeschafft. Im Jahr 2019 packte er ein berufshistorisch nicht weniger brisantes Thema an: „Arzneimittelversorgung in der Rinderpraxis 1980-2019“. Seine jeweils für die Tagungsbände der Fachgruppe generierten ausführlichen Aufsätze sind zeitlos.
Tierwohl und intakte soziale Strukturen im ländlichen Bereich waren dem „Vollblut-Buiater“ sehr wichtig, auch das Engagement für und in örtlichen Vereinen. Wer zu einer Gruppe von „Auserwählten“ gehörte, erhielt per E-Mail familiäre Fotos oder Screenshots von Reisen oder Ausflügen. Dazu gehörte auch seine „Honda PCX 125 vor Blühenden Landschaften“. Helmut Surborg ist sich selbst und seinen Idealen immer treu geblieben, und mit seiner Krankheit ist er offen umgegangen. Seine letzte Botschaft war „Enjoy life“. Am 17. Februar 2026 war dieses Leben zu Ende.
Johann Schäffer, München
Georg Bruns, Steinfeld